Forschungsschwerpunkte
Folgende Forschungsschwerpunkte werden in unserer Abteilung gesetzt:
Somatoforme Störungen: Diagnostik, Ätiologie und Behandlung

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Somatoforme Störungen

Wirksamkeit einer kognitiv-behavioralen Kurzzeittherapie bei multiplen somatoformen Körperbeschwerden
Maria Kleinstäuber, Ann Christin Krämer, Fabian Jasper, Michael Witthöft, Wolfgang Hiller

Medizinisch unerklärte Körperbeschwerden (MUPS) sind weit verbreitet und gehen bei den Betroffenen häufig mit ausgeprägten Einschränkungen im Funktionsniveau einher. Obwohl psychotherapeutische Behandlungen als wirksam gelten, gibt es bisher kaum manualisierte, kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungskonzepte. Das Ziel dieser Studie stellt daher die Evaluation einer kognitiv-behavioralen Kurzzeittherapie bei multiplen somatoformen Beschwerden (KVT) dar. Bisher wurden 83 Patienten in die Studie eingeschlossen. Die Patienten werden entweder einer 20-stündigen manualisierten KVT oder einer Wartekontrollgruppe nach einem Parallelisierungsverfahren hinsichtlich Alter, Geschlecht und Ausmaß der Beschwerden zugeordnet. Die Datenerhebung findet sowohl unmittelbar vor als auch nach der letzten Sitzung statt. Eine 1-Jahres-Katamnese ist geplant. Als Outcome-Maße dienen u.a. das Ausmaß körperlicher Beschwerden, Krankheitssorgen und –verhaltensweisen und Depressivität. Die Vorauswertung der Daten von 25 Patienten, die bereits die Therapie abgeschlossen haben, zeigt hinsichtlich der Intensität der Körperbeschwerden eine mittlere Prä-Post-Effektstärke (d+ = 0.58). Bzgl. körperbezogener dysfunktionaler Kognitionen (Subskalen des Fragebogens zu Körper und Gesundheit) konnten kleine Effekte nach der Therapie (d+ = 0.05 - d+ = 0.47) festgestellt werden. Hinsichtlich hypochondrischer Merkmale (Gesamtwert der Illness Attitude Scales) ergab sich eine moderate Prä-Post-Effektstärke (d+ = 0.52). In Bezug auf verschiedene Arten von Krankheitsverhalten (Subskalen der Scale for Assessment of Illness Behavior) schwankten die Effektstärken zwischen dem kleinen und mittleren Bereich (d+ = 0.33 - d+ = 0.71). Die depressive Symptomatik (Beck Depressions Inventar) reduzierte sich zwischen Prä- und Postmessung mit einem mittleren Effekt (d+ = 0.74). Das Funktionsniveau (Pain Disability Index) der Patienten konnte deutlich gesteigert werden, woraufhin der sehr große Prä-Post-Effekt d+ = 1.49 hinweist. Aufgrund der noch kleinen Stichprobengröße können die Ergebnisse nur mit Vorsicht interpretiert werden. Sie ermöglichen allerdings erste Anhaltspunkte hinsichtlich der Wirksamkeit einer manualisierten kognitiv-behavioralen Kurzzeitherapie, die spezifisch für die Behandlung multipler somatoformer Beschwerden im ambulanten Setting entwickelt wurde.



Kognitive und behaviorale Prädiktoren des Therapieerfolgs bei Patienten mit multiplen somatoformen Symptomen unter kognitiv-verhaltenstherapeutischer Kurzzeittherapie
Ann Christin Krämer, Maria Kleinstäuber, Wolfgang Hiller

Wer profitiert am meisten? In diesem Forschungsprojekt soll der Frage nach den Prädiktoren des Therapieerfolgs von Patienten mit multiplen somatoformen Beschwerden in ambulanter Kurzzeit-VT nachgegangen werden. Der Fokus liegt hierbei auf der Prädiktion des Outcomes anhand von kognitiven und behavioralen Faktoren, die im Zusammenhang mit den medizinisch unklaren Körperbeschwerden stehen. Die Patienten werden parallelisiert auf zwei Gruppen verteilt: Wartekontroll- (3 Monate Wartezeit) und Treatmentgruppe. Es folgt eine streng manualisierte (und somit standardisierte) Therapie (5 Probatorische Sitzungen und 20 Therapiesitzungen), welche auf einem komplexen Störungsmodell, das emotionale, kognitive, psychophysiologische, behaviorale und soziale Faktoren berücksichtigt, basiert. Wichtige Therapieelemente sind u. a. die Vermittlung eines individuellen Störungsmodells, sowie der Einsatz von Symptomtagebüchern, Strategien zur Aufmerksamkeitslenkung, kognitive Umstrukturierung, Reattribution von Körpersensationen und der Abbau von Krankheitsverhaltensweise, wie z. B Body-Checking und häufige Arztbesuche. Die ausführliche Erhebung der körperlichen Beschwerden, dem Umgang mit diesen, sowie möglicher dysfunktionaler Kognitionen bzgl. der unklaren Körperbeschwerden findet zum Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme, zu Beginn und nach der Therapie und auch engmaschig während des Therapieverlaufs statt. Bisher wurden 83 Patienten in die Studie eingeschlossen.



Medically Unexplained Symptoms and Somatoform Disorders in Primary Care: Diagnostic Challenges and Suggestions for Improvement
Stephanie Körber, Wolfgang Hiller

Somatoforme Beschwerden – d.h. Körperbeschwerden, für die sich keine eindeutige organische Ursache finden lässt - sind ein häufiges Phänomen im hausärztlichen Setting (bei etwa drei Viertel aller berichteten Symptome besteht keine ausreichende organische Erklärung). Jedoch gestaltet sich ihre diagnostische Erfassung – eine Voraussetzung für jede adäquate Behandlung - als schwierig. Ziel der vorliegenden Studie ist es deshalb, einen Beitrag zur besseren diagnostischen Erfassung somatoformer Beschwerden im Hausarztsetting zu leisten. Hierfür wurden in zwei Mainzer Hausarztpraxen mehr als 600 Patienten gescreent und mehr als 300 in einem ausführlichen Interview zu Körperbeschwerden, Beeinträchtigung sowie bestimmten Denk- und Verhaltensweisen befragt. Die Auswertungen wurden bereits abgeschlossen. Es konnte unter anderem nachgewiesen werden, dass der so genannte "Patient Health Questionnaire PHQ-15" gut geeignet ist, um nach somatoformen Symptomen zu screenen. Außerdem wurde gezeigt, dass eine Diagnostik somatoformer Beschwerden und Störungen nicht nur auf dem Zählen von (somatoformen) Symptomen basieren sollte, sondern auch auf weiteren, für die Verarbeitung solcher Beschwerden relevanten psychologischen Kriterien.

    Veröffentlichungen:
  • Körber, S., Frieser, D., Steinbrecher, N. & Hiller, W. (2011). Classification characteristics of the Patient Health Questionnaire-15 for screening somatoform disorders in a primary care setting. Journal of Psychosomatic Research 71(3), 142-147.


Somatoforme Störung im Hausarztsetting: Kritische Bewertung der Validität und Reliabilität des Störungskonzeptes auf der Grundlage epidemiologischer Daten und Verlaufscharakteristika
Natalie Steinbrecher, Wolfgang Hiller

Im Zuge der Neukonzeptualisierung somatoformer Störungen im neuen Diagnosesystem DSM-V sollte diese Arbeit einen Beitrag zur aktuellen Diskussion um somatoforme Störungen leisten. In diesem Zusammenhang wurde auf der Grundlage eines einheitlichen Datensatzes eine Einordnung somatoformer Störungen im Hinblick auf Prävalenz, Verlauf, Prädiktoren, Validität und Reliabilität vorgenommen. Hierfür wurden in zwei Mainzer Hausarztpraxen 614 Patienten gescreent und 308 in einem ausführlichen Interview zu Körperbeschwerden, Beeinträchtigung sowie bestimmten Denk- und Verhaltensweisen zu zwei Messzeitpunkten befragt. 22,9% der untersuchten Personen erfüllten die Kriterien einer somatoformen Störung. Im Verlauf von 12 Monaten remittierte die Störung bei 48,8% der Betroffenen. Die erfragten körperlichen Symptome erwiesen sich im Verlauf eines Jahres als wenig reliabel. Die höchsten Konkordanzraten wurden für somatoforme Schmerzstörung berichtet. Die Prävalenzraten der Complex Somatic Symptom Disorder (DSM-V) fielen mit 16% etwas geringer aus. Trotz der Berücksichtigung psychologischer Faktoren wies dieses Störungsbild ebenfalls geringe Konkordanzraten auf. Auf der Grundlage uns vorliegender Daten erfüllen sowohl das aktuelle DSM-IV- bzw. ICD-10-Konzept als auch der bislang gültige Vorschlag für die Neukonzeptualisierung somatoformer Störungen die notwendigen Validitäts- und Reliabilitätsanforderungen in unzureichendem Maße.

    Veröffentlichungen:
  • Steinbrecher, N., Koerber, S., Frieser, D. & Hiller, W. (2011). The Prevalence of Medically Unexplained Symptoms in Primary Care. Psychosomatics, 52(3), 263-271.
  • Steinbrecher, N. & Hiller, W. (2011). Course and prediction of somatoform disorder and medically unexplained symptoms in primary care. General Hospital Psychiatry, 33 (4), 318-326.
  • Steinbrecher, N. & Hiller, W. (2011). Überprüfung der zeitlichen Stabilität medizinisch nicht erklärter Beschwerden und somatoformer Störungen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Diagnosekonzepte. Zeitschrift für Psychotherapie, Psychosomatik und medizinische Psychologie, 61 (8), 356-364.
  • Körber, S., Frieser, D., Steinbrecher, N., Hiller, W. (2011). Classification characteristics of the Patient Health Questionnaire-15 for screening somatoform disorders in a primary care setting. Journal of Psychosomatic Research, 71 (3), 142-147.

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Prämenstruelles Syndrom: Diagnostik, Ätiologie und Behandlung

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Prämenstruelles Syndrom

pre.femin - Prädiktoren der Symptombelastung im Rahmen des Prämenstruellen Syndroms
Katarina Schmelzer, Maria Kleinstäuber, Wolfgang Hiller

Prämenstruelle Symptome wie Stimmungsschwankungen, Weinkrämpfe, Konzentrationsschwierigkeiten, Brustschwellungen oder Ödembildungen finden sich sehr häufig bei Frauen im gebärfähigen Alter und werden meist unter dem Begriff des sog. Prämenstruellen Syndroms (engl. premenstrual syndrome, PMS) subsumiert. Es handelt sich dabei um ein multiples Beschwerdemuster, welches in einer konsistenten und vorhersagbaren Beziehung zum Menstruationszyklus steht. Nach dem aktuellen Stand der Forschung werden zur Erklärung der Genese eines PMS vornehmlich biopsychosoziale Modelle vorgeschlagen, wonach die Symptome eines PMS weniger durch einen Faktor erklärt werden, sondern multifaktoriell durch ein Zusammenspiel genetischer, psychoendokrinologischer, biologischer und psychosozialer Faktoren bedingt sind. Es existieren nur vereinzelte Studien, die einen Zusammenhang zwischen psychologischen Variablen (z.B. erlebte Kindheitstraumata) und der Symptombelastung im Rahmen eines PMS untersuchen. Dementsprechend kann hier ein hoher Forschungsbedarf abgeleitet werden. Das vorliegende Projekt hat zum Ziel, zu untersuchen, inwieweit bestimmte psychologische Variablen wie beispielsweise erlebte Kindheitstraumata oder die Partnerschaftsqualität mit der erlebten Symptombelastung im Rahmen des Prämenstruellen Syndroms zusammenhängen. Zudem interessiert, welche Symptome als besonders belastend erlebt werden bzw. welche Symptome zu einem Leidensdruck und somit zu einer Behandlungserfordernis führen. Frauen, die an PMS leiden, füllen für die Dauer eines Zyklus ein sog. Symptomtagebuch aus. Zudem werden zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten im Zyklus verschiedene psychologische Variablen (z.B. erlebte Partnerschaftsqualität, Stressniveau) erhoben. Die Untersuchung soll einen Beitrag dazu leisten, Ansatzpunkte für ein störungsspezifisches psychotherapeutisches Therapieprogramm zu entwickeln.



Das Prämenstruelle Syndrom (PMS): Gibt es Unterschiede in der Emotionsregulation im Vergleich zu gesunden Kontrollprobandinnen?
Lisa Eggert, Maria Kleinstäuber, Wolfgang Hiller

Inwieweit gehen Frauen mit PMS anders mit Gefühlen um? Das aktuelle Projekt untersucht anhand von experimentellen Paradigmen und Fragbögen, ob und inwiefern sich Frauen, die unter PMS leiden, von solchen ohne Beschwerden in dieser Hinsicht unterscheiden. Ziel ist ein besseres Verständnis der Symptomatik und damit eine fundierte Grundlage für die Entwicklung therapeutischer Ansätze zu erreichen. Nach einer ausführlichen Diagnosephase mittels Fragebögen und zweimonatigen PMS-Tagebüchern werden die Frauen der Experimental- oder der Kontrollgruppe zugeordnet. Anschließend erfolgen zu zwei Messzeitpunkten Erhebungen der Emotionsregulation: einmal in der lutealen Phase, in der PMS-Patientinnen unter Symptomen leiden, und einmal in der follikulären Phase, in der sie beschwerdefrei sein sollten. Ebenso wird bei der Erhebung der Daten der gesunden Kontrollprobandinnen vorgegangen, wobei bei diesen zu beiden Zeitpunkten Symptomfreiheit angenommen werden kann. Zum einen wird geprüft, inwieweit sich auf recht basaler experimentalpsychologischer Ebene Unterschiede in der Reaktion auf Stimuli unterschiedlicher Valenz zeigen (mittels Emotional Stroop Test, EST, und Affective Misattribution Procedure, AMP). Zusätzlich wird der Umgang mit Gefühlen anhand von Fragebögen im Selbstbericht erfasst.



Chronischer Tinnitus als psychosomatisches Krankheitsbild

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Chronischer Tinnitus

Evaluation eines internetbasierten Selbsthilfeprogramms im Vergleich zu einer Gruppentherapie bei chronisch-komplexem Tinnitus
Mag.-Psych. Kristine Tausch, Dipl.-Psych. Isabell Schweda, Dr. Maria Kleinstäuber, Dr. Cornelia Weise, Prof. Gerhard Andersson, Ph.D., Prof. Dr. Wolfgang Hiller

Die langen Wartezeiten und der Mangel an ambulanten Therapieangeboten regten in den letzten Jahren die Entwicklung internetbasierter Behandlungsansätze für verschiedenste Patientengruppen an. Die schwedische Forschungsgruppe um Prof. Andersson entwickelte ein Selbsthilfetraining für Patienten mit chronisch-komplexem Tinnitus, das über das Internet dargeboten wird. Vorstudien mit schwedischen Patientengruppen zeigten bereits vielversprechende Ergebnisse (Kaldo et al., 2007; Kaldo et al., 2008). Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Linköping University in Schweden wurde das Selbsthilfetraining für den deutschsprachigen Raum adaptiert und an einer deutschen Patientenstichprobe evaluiert. Die Studie „MINT“ widmet sich einem Wirksamkeitsvergleich zwischen dem internetbasierten Selbsthilfeprogramm und der an der Poliklinischen Institutsambulanz durchgeführten ambulanten Gruppentherapie. In die Studie wurden 128 Patienten mit chronischem Tinnitus und moderater Tinnitusbelastung eingeschlossen, die (a) dem 10-wöchigen internetbasierten Selbsthilfetraining (IT; n = 41), (b) der 10-wöchigen kognitiv-behavioralen Gruppentherapie (GT; n = 43) oder (c) einer aktiven Kontrollgruppe (KG) im Rahmen eines Online-Diskussionsforums (n = 44) randomisiert zugeordnet wurden. Die Katamneseuntersuchungen (6 und 12 Monate nach Therapieabschluss) laufen derzeit. Die Ergebnisse zeigen, dass im Vergleich zur KG beide Interventionen die Tinnitusbelastung (p < .010), Angst- und depressive Symptome (p < .010) sowie Schlafprobleme (p < .010) signifikant reduzieren. Des Weiteren konnte die Tinnitusakzeptanz durch beide Interventionen (jedoch nicht in der KG) signifikant gesteigert werden (p < .010). Die Ergebnisse zeigen keine signifikanten Unterschiede zwischen der IT und GT für primäre wie auch sekundäre Outcome-Maße (.184 < p < .941). In Bezug auf die Tinnitusbelastung ergaben die Berechnungen eine mittlere Zwischengruppen-Effektstärke (Hedges’ g) für die IT (g = 0.68; 95%-CI: 0.24, 1.12) und eine große Effektstärke für die GT (g = 0.84; 95%-CI: 0.40, 1.28). Eine Vorauswertung der 6-Monatskatamnese weist auf die Stabilität der Effekte in beiden Interventionsgruppen hin. In Übereinstimmung mit den Ergebnissen der aktuellen Forschung demonstrieren die Ergebnisse, dass kognitiv-behaviorale Gruppentherapie wirksam hinsichtlich der Reduktion von Tinnitusbelastung und assoziierten Problemen ist. Des Weiteren weist die internetbasierte Intervention zur Gruppentherapie vergleichbare Effekte auf.



Die Rolle dysfunktionaler tinnitusbezogener Kognitionen in der Behandlung von chronisch-komplexem Tinnitus
Isabell Schweda, Kristine Tausch, Maria Kleinstäuber, Cornelia Weise, Gerhard Andersson, Wolfgang Hiller

Während ungefähr vier Prozent der deutschen Bevölkerung von einem chronischen Tinnitus betroffen sind, erlebt jedoch nur die Hälfte der Betroffenen einen erheblichen Leidensdruck (Pilgramm et al., 1999). Dieser Unterschied erklärt sich unter anderem durch dysfunktionale Kognitionen bei der Wahrnehmung und Bewertung des Ohrgeräusches. Neurophysiologische und biopsychosoziale Erklärungsansätze (Modell der Tinnitus-Habituation, Hallam, Rachmann & Hinchcliffe, 1984; Neurophysiologisches Tinnitus-Modell, Jastreboff & Hazell, 1993; Biopsychosoziales Modell, Hiller & Goebel, 2001) beschreiben negative Bewertungsprozesse als zentrale Komponenten in der Entstehung und Aufrechterhaltung eines chronisch dekompensierten Tinnitus. Verzerrte Gedankenmuster stellen somit auch einen wichtigen Ansatzpunkt in der psychotherapeutischen Behandlung dar. Da bislang kein deutschsprachiges Instrument zur spezifischen Erfassung dysfunktionaler tinnitusbezogener Kognitionen vorliegt, zielt die dargestellte Studie darauf ab, die faktorielle Struktur sowie Reliabilität, Validität und Änderungssensitivität des bisher unveröffentlichten Tinnitus Cognitions Questionnaire (T-Cog; Hiller & Haerkötter, 2005) zu überprüfen. Erste Ergebnisse sprechen bereits für eine gute psychometrische Qualität des Fragebogens. Des Weiteren beschäftigt sich die Studie mit der Rolle dysfunktionaler Kognitionen in der kognitiven Verhaltenstherapie des chronisch-dekompensierten Tinnitus‘. Es soll ausgewertet werden, inwieweit sich ein internetbasiertes Selbsthilfeprogramm und eine an der Poliklinischen Institutsambulanz durchgeführte, ambulante Gruppentherapie auf die negativen Bewertungsprozesse der Tinnitusbetroffenen auswirken. Zudem soll analysiert werden, ob die Ausprägung dysfunktionaler Gedanken im T-Cog den Behandlungserfolg in Form einer Reduktion der Tinnitusbelastung vorhersagen kann.



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Psychoonkologie

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Psychoonkologie

Prozesse der Informationsverarbeitung und Emotionsregulation bei Personen mit einer Krebserkrankung in der Vergangenheit
Dipl.-Psych. Jennifer Rüter, Dr. Michael Witthöft, Prof. Dr. Wolfgang Hiller

Aus (kognitions-)psychologischer Perspektive stellt eine Krebserkrankung hohe Anforderungen an kognitiv-emotionale Informationsverarbeitungsprozesse. So gilt es zum einen für Krebspatienten, trotz der initial äußerst bedrohlichen Diagnose „Krebs“, komplexe Informationen, die sie während der Behandlung von den Ärzten erhalten, angemessen zu verarbeiten, um wichtige Entscheidungen in Bezug auf ihre Gesundheit treffen zu können. Zum anderen erfordert ein funktionaler Umgang mit der Erkrankung ein hohes Maß an Emotionsregulationsfähigkeiten, um trotz der Diagnose einer schweren Erkrankung psychosozial handlungsfähig zu bleiben.

Bislang existieren nur sehr wenige empirische Studien, die sich mit derartigen Informationsverarbeitungsprozessen bei Personen mit einer Krebserkrankung auseinander gesetzt haben. Die geplante Studie verfolgt daher das Ziel, Besonderheiten in der kognitiv-emotionalen Verarbeitung krankheitsrelevanter Informationen bei Personen mit einer Krebserkrankung mit Hilfe objektiver, experimenteller Verfahren zu untersuchen und Zusammenhänge dieser Maße mit dysfunktionalen Emotionsverarbeitungsstrategien, wie z.B. der Tendenz zu ruminativem Denken, zu prüfen.



Evaluation der Wirksamkeit einer verhaltenstherapeutisch orientierten Gruppentherapie für Patienten mit einer onkologischen Erkrankung
Carolin Mulot, Maria Kleinstäuber, Jennifer Rüter, Wolfgang Hiller

Onkologische Erkrankungen können verschiedene schwerwiegende psychosoziale Beeinträchtigungen nach sich ziehen. So sind Krebskranke mit einem möglichen letalen Ausgang ihrer Krankheit konfrontiert, haben ein langfristig bestehendes Rückfallrisiko und auf Grund stark belastender medizinischer Behandlungen (z.B. Chemotherapie) können eine Anzahl möglicher körperlicher Belastungen (z.B. Übelkeit) auftreten. Als Folgen dieser Belastungen treten wiederum viele psychische und soziale Belastungen auf. Hier sind vor allem Progredienz- und Rezidivangst, Körperbildveränderungen (z.B. Narben), Belastungen wichtiger Beziehungen sowie komorbid auftretende psychiatrische Erkrankungen zu nennen, welche zu starken Einbußen in der Lebensqualität führen können.

Zur Bewältigung dieser Belastungen wurde eine Vielzahl psychosozialer Interventionen entwickelt. Evaluiert werden soll die Wirksamkeit einer verhaltenstherapeutischen, an einem standardisierten Therapiemanual orientierten Gruppentherapie bezüglich der Lebensqualität der Patienten und verschiedener psychosozialer Variablen (z.B. Progredienzangst, Angst und Depression, Qualität unterstützender Beziehungen). Inhalte der Gruppentherapie sind z.B. Krankheitsverarbeitung, Strategien zur Verbesserung der sozialen Interaktionen, Stressmanagement, Strategien zur Verbesserung des Selbstwertgefühl und der Selbstakzeptanz.

Emotionsregulation

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Emotionsregulation

Emotionsregulationsstile in der Allgemeinbevölkerung
Noelle Loch, Michael Witthöft, Wolfgang Hiller

Emotionsregulation ist ein Thema von großer Aktualität. In vielfältigen internationalen Studien konnte gezeigt werden, dass Emotionsregulationsstrategien eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung psychiatrischer Störungen wie Depressionen und Angststörungen spielen. Die aktuelle Studie untersucht Emotionsregulation und deren Zusammenhänge mit Psychopathologie in der deutschen Allgemeinbevölkerung. Die Erhebung wurde als postalische Fragebogenstudie durchgeführt. Die Stichprobe wurde via Zufallsauswahl aus den Melderegistern zehn rheinland-pfälzischer Gemeinden unter Genehmigung des Landesbeauftragten für Datenschutz erschlossen. Es konnten N = 414 Datensätze in die erste Erhebung eingeschlossen werden. Deutsche Versionen zweier Instrumente zur Erfassung von Emotionsregulationsstrategien (Cognitive Emotion Regulation Questionnaire, CERQ; Thought Suppression Inventory, TSI) wurden entwickelt und erstmals erprobt. Die Überprüfung der gefundenen Ergebnisse an einer zweiten Erhebungswelle (N= 175) nach sieben Monaten sprechen für deren Stabilität. Zudem konnte ein nomologischer Überblick über die bekanntesten Emotionsfragebögen, deren Interkorrelationen und Rolle in Bezug auf unterschiedliche psychiatrische Störungen zur Verfügung gestellt werden, in dessen Rahmen auch die Einordnung von Gedankenunterdrückung in den Bereich der Emotionsregulation vorgenommen wurde. Des Weiteren konnte das Konzept der emotionalen Kaskaden um den Faktor Intrusionen erweitert werden (Rumination führt vor allem dann zu behavioraler Dysregulation, wenn viele Intrusionen vorliegen) sowie seine Gültigkeit für eine Vielzahl disinhibierter Verhaltensweisen auch im deutschsprachigen Raum belegt werden.

    Veröffentlichungen:
  • Loch, N., Witthöft, M. & Hiller, W. (2010). Der Cognitive Emotion Regulation Questionnaire (CERQ) - Validierung einer deutschen Adaption in einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39 (Suppl. 1), 61.
  • Loch, N., Witthöft, M. & Hiller, W. (2011). Der Cognitive Emotion Regulation Questionnaire (CERQ) - Erste teststatistische Überprüfung einer deutschen Adaption. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 40 (2), 94-106.


Mental Imagery, Cognitive Processes and Emotion Regulation in People with and without Affective Disorders
Stefanie Görgen, Michael Witthöft, Jutta Joormann, Wolfgang Hiller

Mentale Vorstellungsbilder negativer Ereignisse oder zukünftiger Bedrohungen sind bei psychischen Störungen ein häufiges Phänomen, insbesondere bei affektiven Störungen (Brewin et al., 1996; Brewin et al., 2010). Einige Studien konnten zeigen, dass mentale Vorstellungen zu stärkeren emotionalen Reaktionen führen als eine verbale Verarbeitung des gleichen Reizmaterials (Holmes & Mathews, 2005; Holmes et al., 2008). In einer Übersichtsarbeit zu mentalen Vorstellungen und psychischen Störungen schlussfolgern die Autoren, dass mentale Vorstellungen als "emotional amplifiers" wirken, sowohl bei positiver als auch negativer Information (Holmes & Mathews, 2010). Allerdings gibt es zu dieser Annahme wenig experimentelle Befunde. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts werden daher zwei Studien durchgeführt, deren Ziel es ist, zu untersuchen, ob sich Personen mit depressiven/hypomanen Symptomen (als Hochrisikogruppe) und Patienten mit einer affektiven Störung hinsichtlich des Effekts von mentalen Vorstellungen (im Vergleich zu verbaler Verarbeitung) auf emotionales Erleben sowie auf nachfolgende kognitive Prozesse von Kontrollprobanden unterscheiden. Um emotionale Veränderungen in Folge mentaler Vorstellungen (verglichen mit verbaler Verarbeitung) auf expliziter Ebene zu erfassen, wird die Dimension Valenz des Ratingverfahrens Self-Assessment Manikin (SAM; Bradley & Lang, 1994) eingesetzt. Zur Erfassung emotionaler Reaktionen auf impliziter Ebene wird die Affect Misattribution Procedure (AMP; Payne et al., 2005) im Anschluss an die mentalen Vorstellungen (bzw. Aufgabe zur verbalen Verarbeitung) vorgegeben. Um zu überprüfen, ob Personen mit einem Risiko für depressive oder bipolare Störungen ein Defizit bei der Hemmung von mentalen Vorstellungen aufweisen, wird der emotionale Stroop-Test (EST; Mathews & MacLeod, 1985) verwendet. Zudem hat die Untersuchung das Ziel, mögliche Zusammenhänge zwischen emotionalen Reaktionen, Hemmungsprozessen und Strategien der Emotionsregulation (z.B. Rumination, Neubewertung) zu untersuchen.

Die Datenerhebung der ersten Studie (studentische Stichprobe, N=145) wurde gerade abgeschlossen. In einer zweiten Studie, die voraussichtlich im Frühjahr 2012 beginnt, soll die genannte Fragestellung an einer klinischen Stichprobe (Patienten mit einer affektiven Störung vs. Kontrollprobanden) untersucht werden.



Experimentelle Psychotherapieforschung

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Experimentelle Psychotherapieforschung

Taktile Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse bei Personen mit medizinisch unklaren körperlichen Beschwerden
Anna Katzer, Daniel Oberfeld, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Körperliche Beschwerden, für die keine ausreichenden organischen Ursachen gefunden werden, unterliegen komplexen Entstehungsmechanismen, die umstritten sind. Das Forschungsprojekt soll einen Beitrag zum ätiologischen Verständnis somatoformer Störungen leisten. Hierzu wird in Anlehnung an die kognitionspsychologische Theorie von Brown (2004) ein schematheoretischer Ansatz der Genese somatoformer Symptome experimentell überprüft. Erste Ergebnisse stehen in Einklang mit der Hypothese von Brown und Kollegen, wonach die Verarbeitung intero- und exterozeptiver somatosensorischer Reize bei Personen mit somatoformen Beschwerden in besonderer Weise verändert ist. So scheint das Erleben körperlicher Symptome unklarer medizinischer Genese mit einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber experimentell erzeugten taktilen illusorischen Wahrnehmungen einherzugehen.

    Veröffentlichungen:
  • Katzer, A., Witthöft, M., Oberfeld, D., & Hiller, W. (2009). Crossmodale visuell-taktile Wahrnehmungsprozesse und deren Beziehung zu somatoformen Beschwerden und Krankheitsängsten. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 38, Supplement 1, 12.
  • Katzer, A., Witthöft, M., Oberfeld, D., & Hiller, W. (2010). Visuell-taktile Wahrnehmungsprozesse und deren Beziehung zu somatoformen Störungen. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39, Supplement 1, 17-18.
  • Katzer, A. Oberfeld, D., Hiller, W. & Witthöft, M. (in press). Tactile perceptual processes and their relationship to medically unexplained symptoms and health anxiety. Journal of Psychosomatic Research.


Exterozeptionsfähigkeit für somatosensorische Reize am Beispiel taktiler Wahrnehmungsprozesse bei Patienten mit Hypochondrie (gefördert durch die DFG)
Maribel Kölpin, Susann Krautwurst, Anna Katzer, Alexander L. Gerlach, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Kognitiv-behaviorale Modelle der Hypochondrie postulieren eine sensiblere Verarbeitung somatosensorischer Reize (z.B. Barsky, 1992). Bisherige Studien gehen jedoch an den für die Hypochondrie relevanten somatosensorischen Reizen vorbei, so dass empirische Belege noch ausstehen. Dieses Forschungsprojekt greift daher die Fragestellung einer besseren Detektionsleistung für exterozeptive somatosensorische Reize bei Personen mit starken Krankheitsängsten auf. Basierend auf einem von Lloyd et al. (2008) entwickelten Paradigma wird die Hypothese untersucht, dass Hypochondrie-Patienten im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe vermehrt zu illusorischen taktilen Wahrnehmungen neigen. In der noch laufenden Studie konnten bisher 46 Probanden untersucht und per SKID-I-Diagnostik (Wittchen, Wunderlich, Gruschwitz & Zaudig, 1997) der Hypochondrie- bzw. Kontrollgruppe zugewiesen werden. Im Anschluss an die Ermittlung der individuellen Wahrnehmungsschwelle werden allen Teilnehmern Vibrationsimpulse nahe der Wahrnehmungsschwelle appliziert, die in der Hälfte der Durchgänge zufällig mit einem Lichtreiz gepaart sind. Weiterhin werden beide Reize (Licht und Vibration) randomisiert nur in jeweils der Hälfte der Durchgänge dargeboten, so dass die Provokation illusorischer Empfindungen in Durchgängen mit Lichtreiz aber ohne auslösenden Vibrationsreiz ermöglicht wird.

Die Ergebnisse zeigen bisher, dass sich die beiden Gruppen bzgl. der Wahrnehmungsschwelle für den taktilen Reiz nicht signifikant unterscheiden (t(32)=1.54; n.s.) und – analog zu den Befunden von Lloyd et al. (2008) – in der Experiment-Bedingung mit kombiniertem Lichtreiz gleichermaßen zu einem signifikant liberaleren Antwortverhalten neigen (t(34)=2.87; p=.007; Cohen’s d=0.31). Die Faktoren Licht x Gruppe zeigen dabei einen signifikanten Interaktionseffekt auf die Detektionsleistung d‘: demnach kommt es nur bei den gesunden Probanden in der Versuchsbedingung mit kombiniertem Lichtreiz zu einer verbesserten Detektionsleistung für den taktilen Reiz (F(1;33)=4.26; p=.047; ηP2=.11).

Bei Bestätigung der aktuellen Befunde im Rahmen der weiteren Datenerhebung muss die Ausgangshypothese einer größeren Sensitivität für taktile Reize als Beispiel für eine veränderte Exterozeptionsfähigkeit somatosensorischer Reize bei Hypochondrie verworfen werden. Dies könnte ein Hinweis für eine Abgrenzung der Hypochondrie von anderen symptombezogenen somatoformen Störungen sein, da bei letzterer Störungsgruppe Auffälligkeiten im Rahmen des verwendeten Paradigmas bereits gezeigt werden konnten (Katzer et al., in press; Katzer et al., under review).

    Veröffentlichungen:
  • Witthöft, M., Basfeld, C., Steinhoff, M. & Gerlach, A. L. (in press). Can’t suppress this feeling: automatic negative evaluations of somatosensory stmuli are related to the experience of somatic symptom distress. Emotion.


Interozeptionsfähigkeit für somatosensorische Reize bei Patienten mit Hypochondrie (gefördert durch die DFG).
Susann Krautwurst, Maribel Kölpin Alexander L. Gerlach, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Der Begriff Hypochondrie bezeichnet eine psychische Störung, bei der die Betroffenen unter enormen Ängsten leiden oder der Überzeugung sind, dass sie, trotz unauffälliger medizinischer Befunde, eine ernsthafte Erkrankung haben. Kognitiv-behaviorale Erklärungsmodelle der Hypochondrie gehen von bestehenden dysfunktionalen Schemata hinsichtlich Körper, Krankheit und Gesundheit aus, die zu einer gesteigerten körperfokussierten Aufmerksamkeit führen, wodurch alltägliche körperliche Veränderungen und Prozesse intensiver wahrgenommen und anschließend als bedrohlich und Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung fehlinterpretiert werden (Warwick & Salkovskis, 1990). Belege für diesen Mechanismus der somatosensorischen Verstärkung (Barsky, 1998) konnten bislang meist nur mit Fragebogenuntersuchungen gefunden werden. Daher wird in der vorliegenden Untersuchung die Interozeptionsfähigkeit auf experimenteller Ebene anhand zweier Paradigmen untersucht, welche im Kontext der Angststörungen entwickelt und erprobt wurden: zum einen ein Paradigma zur Messung von Spontanfluktuationen der Hautleitfähigkeit und zum anderen ein Herzratendetektionsparadigma. Hierzu wird eine Stichprobe aus 50 Hypochondriepatienten mit 50 gesunden Kontrollprobanden verglichen, wobei eine Parallelisierung beider Gruppen hinsichtlich Alter und Bildungsniveau geplant ist. Die zu beantwortende Frage ist, ob Hypochondriepatienten über eine verbesserte und intensivere somatosensorische Wahrnehmungsleistung verfügen, um kognitiv-behaviorale Erklärungsmodelle verifizieren zu können. Weiterhin könnte damit eine konzeptuelle Nähe von Hypochondrie zu den Angststörungen, für die eine bessere Interozeptionsfähigkeit bereits belegt wurde, untermauert werden, was für die aktuelle Klassifikationsdebatte bezüglich Hypochondrie relevant ist.

    Veröffentlichungen:
  • Witthöft, M., Basfeld, C., Steinhoff, M. & Gerlach, A. L. (in press). Can’t suppress this feeling: automatic negative evaluations of somatosensory stmuli are related to the experience of somatic symptom distress. Emotion.


Ambulatorisches Assessment: Attentional Bias, Affekt und Emotionsregulation bei Krankheitsängstlichen Individuen.
Fabian Jasper, Michael Witthöft

Mittlerweile wird beim Störungsbild der Hypochondrie bzw. Krankheitsangststörung von einem Kontinuum ausgegangen, das sich von leichten Symptomen bis hin zu einer klinisch relevanten Hypochondrischen Störung erstreckt (Ferguson, 2008). Demnach ist Krankheitsangst (KA) ein weit verbreitetes Phänomen, das in sub-klinischer Ausprägung in allen Bevölkerungsschichten anzutreffen ist. Das Störungsbild der Hypochondrie und KA umfasst gemäß kognitiv-behavioraler Störungsmodelle kognitive, behaviorale, perzeptuelle und affektive Komponenten.Um die Bedeutung von Aufmerksamkeitsprozessen, Affektivität und Emotionsregulation im Kontext der Forschung zu Krankheitsängstlichkeit genauer zu betrachten werden 4 Substudien durchgeführt. Neben grundlegenden Erkenntnissen zu kognitiven- und affektiven Prozessen im Rahmen der Krankheitsangst ist ein wesentliches Ziel der im folgenden skizzierten, vier Studien mögliche Anhaltspunkte für therapeutische Ansätze und deren Evaluation zu entdecken und in hochkrankheitsängstlichen Populationen anzuwenden.

Studie 1: Mittels Pocket-PCs wird geprüft ob - moderiert durch das Ausmaß von Krankheitsängstlichkeit, Angstsensitivität, Emotionsregulation und weitere explizite Messungen – im Anschluss an einen Symptom-Trigger eine Veränderung im negativen– und / oder positiven Affekt unter realistischen Bedingungen auftaucht.

Studie 2: Eine modifizierte Variante der Affective-Missattribution-Procedure“ (AMP; Payne et al., 2005) wird eingesetzt und hinsichtlich differentieller Aspekte der unter Punkt 1 erwähnten expliziten Messungen untersucht.

Studie 3: Eine um Baseline-Messungen erweiterte Variante des dot-probe Tests (MacLeod, Mathews & Tata, 1986) mit ähnlichem Aufbau und Bildmaterial wie in einer neuerlichen Studie nach Lees et al. (2005) wird verwendet, um deren Ergebnisse zu replizieren und um weitere Befunde zu erweitern.

Studie 4: In einer Internet-Studie wird geprüft, inwiefern sich die Befunde gemäß Punkt eins anhand eines Internetexperiments reproduzieren lassen und ob die Missattribution von arousal einen moderierenden Effekt darstellt (vgl. Vosgerau, 2010).

Für die Studien 1 bis 3 ist eine Zielgröße von ca. N = 100 angestrebt, die vorrausichtlich Juli 2010 erreicht wird (Stand Juni: N = 70). Für Studie 4 ist eine Zielgröße von N = 200 angestrebt, die vorrausichtlich August 2010 erreicht wird (Stand Juli: N = 130).

Ersten Ergebnissen entsprechend gehen sowohl negativer- als auch positiver Affekt im Anschluss an einen Trigger für Krankheitsängstlichkeit zurück (Studie 1 und 4). Für das AMP-Paradigma (Studie 2) zeigen sich neben einem signifikanten Haupteffekt deutliche, erwartete Zusammenhänge zu den 4 Skalen des MIHT, einem Messinstrument zur Erfassung des Ausmaß an Krankheitsängstlichkeit, und anderen expliziten Maßen. In Bezug auf das dot-probe Paradigma gelang bisher (N = 61) eine Replikation der Ergebnisse von Lees et al. (2005).



Messung und Modifikation interozeptiver und exterozeptiver Wahrnehmungs- bzw. Aufmerksamkeitsprozesse bei Personen mit unklaren körperlichen Beschwerden
Kathrin Riebel, Manuela Schaefer, Boris Egloff, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung medizinisch nicht erklärter Symptome werden eine veränderte Wahrnehmung und eine Fehlinterpretation körperbezogener Reize sowie eine erhöhte und selektive Aufmerksamkeit hinsichtlich störungsrelevanter Reize als wichtige Faktoren postuliert. Bisher wurden jedoch nur unzureichend experimentelle Belege für diese veränderten Informationsverarbeitungsprozesse erbracht. Ziel der Studie ist es deshalb zu untersuchen, ob sich Patienten mit medizinisch nicht erklärten Beschwerden in ihrer Interozeption und in der Informationsverarbeitung krankheitsrelevanter, externer Reize von einer gesunden Kontrollgruppe unterscheiden und ob dieser Unterschied in einem zweiten Untersuchungsschritt modifiziert werden kann. Die Aufmerksamkeit auf und die Bewertung von externen, störungsspezifischen Reizen sollen mittels Dot-Probe-Paradigma, Emotional Stroop-Test, Impliziten Assoziations-Test und Affektive Misattribution Procedure erfasst und modifiziert werden. Die Interozeption soll über zwei Varianten zur Herzschlagwahrnehmung (Signal-Entdeckungs-Aufgabe und „Schandry-Paradigma“) untersucht und trainiert werden. Im Juli 2010 ist die Untersuchung mit den ersten Teilnehmern angelaufen.

    Veröffentlichungen:
  • Witthöft, M. & Hiller, W. (2010). Psychological approaches to origins and treatments of somatoform disorders. Annual Review of Clinical Psychology, 6, 257-283.


Evaluation psychotherapeutischer Behandlungen in naturalistischen Settings

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Evaluation psychotherapeutischer Behandlungen in naturalistischen Settings

Therapieeffekte und Prädiktoren des Behandlungserfolgs bei kognitiv-behavioralen Depressionstherapien im ambulanten naturalistischen Setting
Amrei Schindler, Wolfgang Hiller

Obwohl sich die Behandlung depressiver Störungen in randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) als sehr effektiv erwiesen hat, ist wenig über den Transfer solcher Studienergebnisse auf naturalistische Behandlungssettings bekannt. Zudem ist bislang wenig darüber bekannt, inwieweit Ein- und Ausschlusskriterien, die typischerweise in RCTs angewendet werden, die Therapieergebnisse beeinflussen. Ziele der Studie waren daher zum einen die Überprüfung der Wirksamkeit von kognitiv-verhaltenstherapeutischen Depressionstherapien im Routinesetting einer Hochschulambulanz, die Identifikation von Prädiktoren für den Therapieerfolg depressiver Patienten sowie die Überprüfung des Einflusses der Anwendung typischer Ein- und Ausschlusskriterien im Bereich Depression.

Es wurden Patienten der Institutsambulanz der Universität Mainz mit einer Major Depression oder dysthymen Störung bei Therapieanmeldung, -beginn, -ende sowie katamnestisch mit dem Beck-Depressions-Inventar untersucht. Prä-Post-Analysen zeigten einen Rückgang der Symptomatik mit sehr guten Effektstärken, die auch katamnestisch stabil blieben. Responseraten lagen bei 46-60%, Remissionsraten bei 40-46%. In der Wartebedingung zeigten sich nur geringfügige Veränderungen. Es ließen sich eine frühe Symptombesserung, eine reguläre Therapiebeendigung (im Gegensatz zu einem vorzeitigen Abbruch) und eine höhere anfängliche Symptombelastung als signifikante Prädiktoren für Symtpombesserung bzw. Response identifizieren. Ein qualitätsrelevanter Abbruch wurde hingegen durch das Vorliegen einer komorbiden Persönlichkeitsstörung und durch das Fehlen einer Symptombesserung bereits zu einem frühen Zeitpunkt im Therapieverlauf vorhergesagt. Es zeigte sich weiterhin, dass die Patienten in naturalistischen Depressionstherapien der Institutsambulanz schlechter abschnitten als die in RCTs. Dies war jedoch nicht durch die von RCTs oft verwendeten Ein- und Ausschlusskriterien bedingt, deren Anwendung häufig zu homogeneren Stichproben führt.

    Veröffentlichungen:
  • Schindler, A. & Hiller, W. (2010). Therapieeffekte und Responseraten bei unipolar depressiven Patienten einer verhaltenstherapeutischen Hochschulambulanz. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39, 107-115.
  • Schindler, A., Hiller, W. & Witthöft, M. (2011). Benchmarking of Cognitive-Behavioral Therapy for Depression in Efficacy and Effectiveness Studies - How Do Exclusion Criteria Affect Treatment Outcome? Psychotherapy Research, 21, 644-657.
  • Schindler, A., Hiller, W. & Witthöft, M. (eingereicht). What Predicts Outcome, Response, and Dropout in Cognitive-Behavioral Treatment of Depressive Adults? A Naturalistic Study.
  • Hiller, W. & Schindler, A. (2010). Response und Remission in der Psychotherapieforschung. Psychotherapie, Psychosomatik Medizinische Psychologie, 61, 170-176.
  • Schindler, A., Hiller, W. & Witthöft, M. (2010). Sind Depressionsbehandlungen im naturalistischen Setting genauso effektiv wie in randomisiert-kontrollierten Studien? Eine Benchmarking-Studie. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39 (Suppl. 1), 33.
  • Schindler, A. & Hiller, W. (2009). Intention-to-Treat- und Completer-Analysen bei naturalistischen Psychotherapien einer Hochschulambulanz. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 38 (Suppl. 1), 56.
  • Schindler, A., Bleichhardt, G., & Hiller, W. (2008). Verläufe und Therapieeffekte bei unipolaren depressiven Störungen. In P. Warschburger, W. Ihle & G. Esser (Hrsg.). Seelisch gesund von Anfang an – Programm und Abstracts des 26. Symposiums der Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychologe, 1.-3. Mai 2008 in Potsdam. Potsdam: Universitätsverlag.


Therapieeffekte bei Angststörungen in einer Hochschulambulanz
Anna Dietrich, Wolfgang Hiller

Die verhaltenstherapeutische Behandlung von Angststörungen hat sich in randomisiert-kontrollierten Studien (RCT´s) als effektiv erwiesen. Wir überprüfen in der vorliegenden Arbeit, inwieweit vergleichbare Ergebnisse wie in Forschungsstudien auch im naturalistischen Behandlungssetting einer Hochschulambulanz erreicht werden können.

Die untersuchten Stichproben bestehen einerseits aus Patienten mit sozialer Phobie und andererseits aus Patienten mit Panikstörungen und/ oder Agoraphobie. Als Haupt-Outcome Maße werden jeweils die zu Beginn und zum Ende der Behandlung erhobenen störungsspezifische Messinstrumente verwendet. Es werden Effektstärken sowie Response und Remissionsraten, sowohl für Intention-to-treat als auch für Completer- Stichproben berechnet und mit publizierten Ergebnissen randomsiert-kontrollierter Studien verglichen. Die bisher durchgeführten Prä-Post-Analysen zeigen einen signifikanten Rückgang der störungsspezifischen Symptomatik. Es ergaben sich mittlere bis große Effektstärken, die auch katamnestisch stabil blieben.

    Veröffentlichungen:
  • Dietrich, A., Bleichhardt, G., Hiller, W. (2008). Therapieeffekte bei der Routinebehandlung von sozialer Phobie an einer Hochschulambulanz. In: Leibing, E.; Salzer, S.; Leichsenring, F. (Hrsg.) SOPHO-NET- Forschungsverbund zur Psychotherapie der Sozialen Phobie


Therapieverschlechterung verschiedener Diagnosegruppen bei naturalistischen Psychotherapien einer Hochschulambulanz
Nicole Nelson, Wolfgang Hiller

Ungünstige Therapieverläufe wurden bisher nur selten untersucht und es ist demzufolge wenig über Therapieverschlechterungen im naturalistischen Setting bekannt. Daher beschäftigt sich die vorliegende Studie mit den Häufigkeiten von Therapieverschlechterung bei ambulant behandelten Patienten.

Untersucht wurde die Therapieverschlechterung im Brief Symptom Inventory (BSI) bei einer Untersuchungsstichprobe von 1112 Patienten der Mainzer Hochschulambulanz. Bei der Berechnung der Therapieverschlechterung handelt es sich um Prä-Post-Analysen im Rahmen eines Intention-to-treat-Ansatzes. Klinisch relevante Verschlechterung lag vor wenn entweder der errechnete kritische Differenzwert (anhand des Reliable Change Index; RCI) überschritten wurde oder eine Verschlechterung des Anfangswertes um mind. 50% vorlag und der Endwert im pathologischen Wertebereich lag.

Insgesamt wurde eine Therapieverschlechterung bei 5,6% der Patienten festgestellt, was am unteren Rand des in der Literatur berichteten Ranges von etwa 5-10% Verschlechterung in Psychotherapien liegt. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung mit 7,5% Therapieverschlechterung sowie Patienten mit einer Zwangsstörung mit 7,1% Verschlechterung offenbar die kritischsten klinischen Gruppen darstellen. Darüber hinaus zeigt sich, dass Therapieverschlechterungen trotz langer Therapiedauer (mind. 25 Sitzungen) auftreten. Dieses interessante Ergebnis sollte näher untersucht werden.



Misserfolge in der Psychotherapie
Fatima Cinkaya, Wolfgang Hiller

Psychotherapeutische Erfolge standen lange im Vordergrund der Psychotherapieforschung. Dagegen ist über ungünstige Verläufe von Psychotherapien wenig bekannt. Die differenzierte Betrachtung von Misserfolgen ist jedoch eine Voraussetzung für die Optimierung der eingesetzten Verfahren. Wir untersuchen in einem naturalistischem Setting, wie häufig und zu welchem Zeitpunkt es zu Therapieabbrüchen kommt und welche Bedingungsfaktoren eine Rolle spielen können. Anhand der Daten von Routinetherapien der verhaltenstherapeutischen Hochschulambulanz in Mainz wurden Abbruchanalysen erstellt, die einen Vergleich zwischen qualitätsrelevanten Abbrüchen und regulären Abschlüssen ermöglichen. Für verschiedene Störungsgruppen wurden Abbruchraten ermittelt sowie Zusammenhänge zu Personen- und Krankheitsvariablen analysiert. Die Gesamtabbruchrate lag bei 24,6% und 14,1% der Abbrüche waren qualitätsrelevant. 56,1% erfolgten innerhalb der ersten 20 Sitzungen. Häufigster Grund war mit 28,1% eine unzureichende Veränderungsmotivation. Am häufigsten brachen Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen (30,2%) und anderen Persönlichkeitsstörungen (25,0%) ab. Weitere Prädiktoren waren erhöhte Psychopathologie (r = 0,18), geringe Therapiemotivation (r = -0,15) und geringe Erfolgserwartung (r = 0,13). Die Vorhersagekraft aller Variablen war jedoch klein. Unsere Daten zeigen, dass es in der täglichen psychotherapeutischen Praxis bei ca. jedem vierten Patienten zu einem Therapieabbruch kommt und davon bei ca. jedem siebten Patienten Qualitätsgründe vorliegen. Abbrüche sind mit identifizierbaren Risikofaktoren assoziiert, die als Ausgangspunkt für Verbesserungen der Therapiekonzepte dienen können.



Meta-Analysen zur Wirksamkeit von Psychotherapie

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Meta-Analysen zur Wirksamkeit von Psychotherapie

Metaanalyse zur Wirksamkeit ambulanter Psychotherapie unter Routinebedingungen
Eva Hans, Wolfgang Hiller

Im Rahmen einer Promotion wird die Wirksamkeit ambulanter Verhaltenstherapie bei Angst- und depressiven Störungen unter Routinebedingungen mittels einer Metaanalyse untersucht. Falls Sie relevante Originalarbeiten kennen, die in diese Metaanalyse aufgenommen werden sollten, können Sie uns gerne Literaturhinweise oder Forschungsberichte in elektronischer oder gedruckter Form zukommen lassen. Von besonderem Interesse sind hierbei auch bislang unveröffentlichte Diplom-, Doktor- oder Forschungsarbeiten. Sie helfen uns damit, möglichst alle relevanten Studien zu integrieren und somit die Aussagekraft dieser Metaanalyse zu erhöhen. Weitere Informationen zur Metaanalyse finden Sie im Anschreiben.

    Veröffentlichungen:
  • Hans, E., Kleinstäuber, M., & Hiller, W. (2010). Wirksamkeit ambulanter Angsttherapien unter Routinebedingungen – eine Metaanalyse. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39(Suppl. 1), 13.


Metaanalyse zur Wirksamkeit von Psychotherapie und Psychopharmakotherapie bei Prämenstruellem Syndrom
Maria Kleinstäuber, Michael Witthöft, Wolfgang Hiller

In Anlehnung an psychobiologische Modelle für prämenstruelle Beschwerden sollte Psychotherapie neben der Psychopharmakotherapie im Gesamtbehandlungsplan des prämenstruellen Syndroms (PMS) mehr Berücksichtigung finden. In der vorliegenden Metaanalyse wird daher die Effektivität psychotherapeutischer Interventionen und Psychopharmakotherapie für PMS untersucht. Im Rahmen einer mehrstufigen Literaturrecherche wurden kontrollierte Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapie und Psychopharmakotherapie für erwachsene Patientinnen mit moderatem bis schwergradigem PMS entsprechend a priori definierten Einschlusskriterien ausgewählt. Die für die metaanalytischen Berechnungen notwendigen Daten wurden mit Hilfe eine standardisierten Kodierungsschemas extrahiert. Die Studienqualität wurde mit dem Jadad-Index bewertet. Die standardisierte, gewichtete Mittelwertsdifferenz (Random Effect Model) wurde als Effektstärkenindex genutzt. Die Effektstärken wurden hinsichtlich verschiedener Outcomes berechnet. In Abhängigkeit vom Ergebnismaß ergaben sich aus den eingeschlossenen 22 Studien kleine bis moderate Zwischengruppen-Effektstärken für die kognitiv-behavioralen Interventionen (d+ = 0.24 – d+ = 0.70) und für die serotonerg wirksamen Antidepressiva (d+ = 0.29 – d+ = 0.58) zur Postmessung. Katamnesuntersuchungen wurden nur in den Psychotherapiestudien durchgeführt, die Ergebnisse weisen auf stabile Effekte hin (d+ = 0.46 – d+ = 0.74). Hinweise auf einen Publikationsbias ergaben sich nicht. Zusammenfassend verdeutlichen die Ergebnisse, dass kognitiv-behaviorale Interventionen wie auch serotonerg wirksame Antidepressiva keine zufriedenstellenden Effekte zur Behandlung von PMS aufweisen. Im Rahmen der zukünftigen Forschung sollte ein Schwerpunkt auf die Untersuchung additiver Effekte einer Kombinationsbehandlung von PMS mit Psychopharmako- und Psychotherapie gelegt werden.

    Veröffentlichungen:
  • Kleinstäuber, M., Witthöft, M., & Hiller, W. (2010). Psychotherapy versus psychopharmacotherapy for premenstrual syndrome: A meta-analysis. International Journal of Behavioral Medicine, 17(Suppl. 1), S111-S112.
  • Kleinstäuber, M., Witthöft, M., & Hiller, W. (2010). Wie effektiv ist Psychotherapie im Vergleich zu Psychopharmakotherapie in der Behandlung des Prämenstruellen Syndroms (PMS)? Eine Meta-Analyse. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39(Suppl. 1), 18.


Training Emotionaler Kompetenzen (TEK)

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Training emotionaler Kompetenzen (TEK)

Defizite in Emotionsregulationsfertigkeiten als aufrechterhaltender Faktor bei Major Depression (TEK-Studie)
Alice Fischer, Michaela Kandl, Mareike Kirchner, Wolfgang Hiller, Winfried Rief, Matthias Berking

Trotz der nachgewiesenen Wirksamkeit zahlreicher psychotherapeutischer Behandlungen bei Major Depression sprechen immer noch bis zu 50% der Patienten nicht auf die Behandlung an, genesen häufig nicht vollständig von ihren Symptomen oder erleiden trotz zunächst vollständiger Genesung ein Rezidiv. Eine Vielzahl von Forschungsbefunden deutet darauf hin, dass Defizite in Emotionsregulationsstrategien eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von Depression spielen. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass eine systematische Förderung emotionaler Kompetenzen die Effektivität und Effizienz aktuell verfügbarer Depressionstherapien steigern könnte. Da es bisher leider an prospektiven Studien fehlt, die dies nachweisen, soll in der vorliegenden Multi-Center-Studie mit den Studienzentren Mainz, Marburg und Kassel abgeklärt werden, ob a) Defizite in allgemeinen emotionalen Kompetenzen zur Aufrechterhaltung von Major Depression (MD) beitragen, b) die Förderung emotionaler Kompetenzen im Rahmen des Trainings emotionaler Kompetenzen (TEK; Berking, 2008) zur Reduktion der Schwere der Depressivitätbei MD beiträgt, und c) potentielle Effekte von a) und b) durch die Schwere der komorbid-psychopathologischen Symptombelastung moderiert werden. Um diese Ziele zu erreichen werden bei 150 Personen wechselseitige Beziehungen zwischen emotionalen Kompetenzen, der Depressivität sowie komorbid-psychopathologischer Symptombelastung in einer Längsschnittstudie untersucht und mit einer Vielzahl von Messungen erfasst. Eingebettet in das Längsschnittdesign soll die Effektivität des TEK auf die Depressivität im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie evaluiert werden. Dazu werden die Probanden jeweils zufällig dem TEK, einer aktiven Kontrollgruppe oder einer Wartekontrollbedingung zugewiesen. Im Anschluss nehmen alle Patienten an einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Einzeltherapie teil. Potentielle Effekte der systematischen Förderung emotionaler Kompetenzen auf die depressive Symptomatik werden sowohl während des 8-wöchigen Zeitintervalls vor der Einzeltherapie (Stand-Alone-Effekte) als auch während der ersten vier Monate der Einzeltherapie (Augmentations-Effekte) erfasst. Am Studienstandort Mainz wurde im Juni 2011 mit der Erhebung begonnen. Erste Ergebnisse sind im Sommer 2012 zu erwarten.



Emotionsregulationsstrategien bei Major Depression – eine experimentelle Studie
Alice Fischer, Wolfgang Hiller, Matthias Berking

Eine Vielzahl von Forschungsbefunden deutet darauf hin, dass Defizite in der Emotionsregulation eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von depressiven Erkrankungen spielen. Die Wirksamkeit einzelner Emotionsregulationsstrategien sowie deren systematische Förderung zur Reduktion dysphorischer Stimmung bei Major Depression (MD) wurde bislang jedoch nur unzureichend untersucht. Vor diesem Hintergrund sollen in dieser Studie effektive Emotionsregulationsstrategien zur Reduktion dysphorischer Stimmung bei MD in einem Experiment identifiziert und in ihrer Wirksamkeit miteinander verglichen werden. Darüber hinaus sollen Prädiktoren für einen erfolgreichen Einsatz von Emotionsregulationsstrategien gefunden werden und die Effekte eines Trainings emotionaler Kompetenzen (TEK) auf die experimentell erfassten Fertigkeiten im Umgang mit dysphorischen Stimmungen erhoben werden. Hierzu werden 72 depressiven Probanden jeweils zufällig dem TEK, einer aktiven Kontrollgruppe oder einer Wartekontrollbedingung zugewiesen. Alle Probanden nehmen jeweils vor und nach der Gruppenphase an einem Experiment teil. In diesem Experiment werden nach der Induktion von dysphorischer Stimmung drei verschiedene Emotionsregulationsstrategien sowie eine Kontrollbedingung instruiert. Nach jeder Strategie wird die Stimmung der Probanden mittels visueller Analogskala, Hautleitwert und Mimik per Videoaufnahme erfasst. Zur Identifizierung der Prädiktoren für einen erfolgreichen Einsatz von Emotionsregulationsstrategien werden diverse Messinstrumente (z.B. zur Selbsteinschätzung emotionaler Kompetenzen) ausgegeben. Bisher wurden 12 Probanden in die Studie aufgenommen, erste Ergebnisse sind im Sommer 2012 zu erwarten.



Förderung positiver Emotionen bei Major Depression – eine experimentelle Studie)
Mareike Kirchner, Wolfgang Hiller, Matthias Berking

Ein Mangel an positivem Affekt gilt als ein zentrales Merkmal depressiver Erkrankungen. Bisher existieren jedoch noch keine experimentellen Studien im klinischen Bereich, die untersuchen, inwieweit ein konstruktiver Umgang mit positiven Emotionen bei depressiven Patienten zu einer Stärkung dieser Emotionen und einem Abbau negativer Emotionen führt. Ziel dieser Studie ist deshalb die experimentelle Evaluation einer Intervention zur Steigerung positiver Stimmung sowie die Erfassung der Effekte eines Trainings emotionaler Kompetenzen (TEK) auf die experimentell erfasste Fähigkeit zur Steigerung positiver Emotionen bei Patienten mit Major Depression (MD). Dazu werden 72 depressive Probanden jeweils zufällig dem TEK, einer aktiven Kontrollgruppe oder einer Wartekontrollbedingung zugewiesen. Alle Probanden nehmen jeweils vor und nach der Gruppenphase an einem Experiment teil. In diesem Experiment soll mittels Musik und positiven selbstbezogenen Aussagen positive Stimmung induziert werden. Im Anschluss wird eine Intervention zur Förderung positiver Stimmung sowie eine Kontrollbedingung instruiert und deren Effekte auf die Stimmung der Probanden mittels visueller Analogskala, Hautleitwert und Mimik per Videoaufnahme erfasst. Bisher wurden 12 Probanden in die Studie aufgenommen, erste Ergebnisse sind im Sommer 2012 zu erwarten.



Emotionsregulation und Haarcortisol bei Major Depression
Michaela Kandl, Wolfgang Hiller, Matthias Berking, Clemens Kirschbaum

Das Steroidhormon Cortisol wird in Folge von Stress-induzierter Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA) ausgeschüttet und gilt als Biomarker für das Stressniveau einer Person. Eine neue Methode zur Bestimmung der Cortisolkonzentration stellt die Messung von Cortisol im Haar dar, was die Möglichkeit bietet die Cortisolkonzentration retrospektiv über einen längeren Zeitraum zu erfassen, im Gegensatz zur üblichen Messung im Blut, Speichel oder Urin. In vielen Studien konnte bereits eine Dysfunktion der HPA-Achse bei depressiven Patienten nachgewiesen werden, die mit erhöhter Cortisolkonzentration im Speichel oder Blut einhergeht. Möglicherweise ist diese Dysfunktion der HPA-Achse verbunden mit Defiziten der Emotionsregulation bei Depressiven, da solche Defizite ebenfalls zu chronischem Stress führen können. In der vorliegenden Studie soll nun untersucht werden, ob die Cortisolkonzentration im Haar und somit das Stressniveau einen Prädiktor für die erfolgreiche Anwendung von Emotionsregulationsstrategien im experimentellen Setting (s.o.) darstellt. Desweiteren soll sowohl der Stand-Alone-Effekt des TEK auf das Stressniveau, als auch dessen Augmentationseffekt zur Einzeltherapie bezüglich des Stressniveaus untersucht werden. Dazu werden bei ca. 72 Probanden, die sowohl an den experimentellen Studien teilnehmen als auch einer der Bedingungen der TEK-Studie zugewiesen wurden, im Verlauf drei Haarproben entnommen. Die Analyse der Haarproben erfolgt am Institut für Biopsychologie der Universität Dresden, mit freundlicher Unterstützung von Prof. Dr. Clemens Kirschbaum. Bisher wurden 9 Probanden erste Haarproben entnommen, erste Ergebnisse sind im Sommer 2012 zu erwarten.